Die etwas andere Motorradtour aus dem Motorradhotel in Osterode

Ein Besuch beim Rockharz in Ballenstedt / Harz
Ein Bericht aus alten MotoRoute-Zeiten

„Kurven & Schwermetall“ – Die etwas andere Motorradtour durch den Harz. Es war mal wieder so weit: Stephan’s jährliche Spezialtour stand mal wieder an. Wie auch schon im Vorjahr, war mir am Anreisetag noch nicht so ganz klar, was mich diesmal im Harz erwartet. Die Vorgabe für dieses Jahr war: Bring einen Schlafsack und sommerliche Kleidung mit. Einen Schlafsack ? Sollte ich diesmal nicht den Komfort eines Hotelzimmers im Motorradhotel

Motorrad-Hotel im Harz

Bei satten 32°C reise ich an und verschwinde sofort im riesengroßen Hotelkühlschrank, der Tiefgarage. Dort herrscht eine angenehme Temperatur. Ich nehme meine Gepäckrolle samt Schlafsack, schnappe mir ein kaltes Bier aus der neuen Midibar und erhole mich von der hitzigen Anreise auf meinem Zimmer. Mit Freude stelle ich fest, dass ich Bettwäsche auf meinem Zimmer habe. Der Schlafsack kommt also an anderer Stelle zum Einsatz. Mit neuer Frische suche ich abends die Hotelterrasse auf, stoße auf eine 3er-Gruppe bei der auch der Hotelchef Stephan sitzt. Ich versuche ihm die Tour für den nächsten Tag zu entlocken und vor allem habe ich immer noch den Schlafsack im Hinterkopf. Mehr als „Morgen gibt’s erstmal einige Harzkurven, anschließend Schwermetall und am Ende kommt der Schlafsack zum Einsatz. Den also morgen unbedingt mitnehmen“ bekomme ich nicht aus ihm heraus. Harz und Metall, das kann ja nur etwas mit einem Erzbergwerk zu tun haben oder vielleicht verbirgt sich dahinter ein Besuch bei der Bikerschmiede in Zilly.

Kyffhäuser Motorradtour

In der Nacht gab es kaum Abkühlung. Mein Frühstück beschränke ich auf Kaffee, Joghurt und frisches Obst. Alles andere würde mir bei so einem Sommertag zu schwer im Magen liegen. Pünktlich um 10 Uhr schwingen wir uns auf die Bikes und begeben uns auf die Schwermetall-Tour. Die ersten Kilometer kommen mir bekannt vor. Die Kurven und Kehren des Siebertals sind einfach ein Muß im Südwestharz. Das erste Aufsetzen meiner linken Fußraste bringt ein extremes Grinsen in mein Gesicht. Endlich mal wieder Kurven rauben. Wie ich es vermisst habe. Die neu ausgebaute Strecke entlang der Odertalsperre ist kurz danach das zweite Fahrlight des Tages. Stephan bremst uns allerdings etwas ein, so dass wir nicht rasen sondern förmlich entlang des Wassers surfen. Über Hohegeiß tauchen wir in Thüringen ein. Typisch für den Ostharz passieren wir gleich nach der ehemaligen innerdeutschen Grenze eine Feldküche. Die Erlebnisstraße der deutschen Einheit, deren Erlebnis wohl in der besagten Feldküche liegt, führt uns zum Motorradtreff „Netzkater“ an der B81.

Bikerpension

Die Bundesstraße hoch nach Hasselfelde bedarf einer kleinen Einweisung. Angefangen vom richtigen Startzeitpunkt zur Vermeidung von unmöglichen Überholmanövern über gefährliche Kurven bis hin zur Trachtengruppe mit Laserpistolen. Stephan bekommt 5 min Vorsprung, um sich in die Fotoposition zu begeben, denn wir müssen ja unseren daheim gebliebenen Frauen ein Paar Urlaubsfotos in Schräglage mitbringen. Fotos in der Waagrechten, in welcher Form auch immer, hätten ihnen eher nicht gefallen. Am Ende der B81 meldet sich langsam die Seekrankheit. Temperaturen von über 30°C, ungewohntest Kurventreiben und übermäßiges Stubenhocken zerren bereits an meiner Kondition. Eine kurze Pause am „Stieger See“ bringt schnelle Erfrischung. Der Slalom-Kurs geht durch das bewaldete Tyratal weiter. Das malerische Stolberg durchfahren wir im Schritt-Tempo und schlengeln uns durch die Touristenmassen. Es folgt ein kurzes Aufatmen in Rottleberode. Es folgt die nächste Talauffahrt hoch nach Schwenda. Die heutige Kurvenorgie nimmt einfach kein Ende. In Richtung Harzgerode stopt unser Guide förmlich mitten auf der Straße und fährt langsam auf eine Schotterpiste. Oh nee, ich bin zwar mit meiner alten Africa Twin unterwegs, doch zum Schottern habe ich bei den Temperaturen überhaupt keine Lust. Glück gehabt, es ist nur ein Schotterplatz samt Feldküche.

Zum Mittag gönne ich mir ein delikates Kesselgulasch mit einer merkwürdig schmeckenden ASCO-Cola, ein Relikt aus DDR-Zeiten. Jetzt erstmal Füße hoch und in der Sonne entspannen. Die Tagestemperatur hat nun vermutlich ihren Höchstpunkt erreicht. Nach einem Tankstop inklusive Eis am Stil cruisen wir durch Waldabschnitte durch den Südostharz. Die touristische Fahrzeugdichte wird immer geringer und wir stoßen auf kaum Widerstand. Erst als wir kurz vor Sangerhausen den Grillenberg befahren wollen, treffen wir auf ein Paar Spaßgenossen. In Wippra gestatten wir uns einen großen Eisbecher und begeben uns, wie von Stephan angekündigt, auf die letzte Etappe. Schnell merke ich nach der Überquerung der B242, dass Osterode heute nicht das Ziel sein wird. Kurvig, holprig fahren wir gen Norden. Vorbei an der Burg Falkenstein, die sich leider im Wald versteckt, erreichen wir Ballenstedt. Über eine Allee galoppieren zum Schloßplatz und staunen über die restaurierten Gebäude, samt Schloss und Theater. Auch der angrenzende Schlosspark, eine Außenstelle der Landesgartenschau Aschersleben, erstrahlt als Blumenmeer. Das Alter der folgenden Kopfsteinpflaster-Passage erkenne ich sofort an den Schlägen meines Lenkers: mindestens 300 Jahre. Kurz hinter Ballenstedt biegen wir rechts ab. Eine Ausschilderung fehlt und wir folgen erwartungsvoll unserem Guide. Wir fahren langsam auf ein kleines Waldstück zu und bestaunen einen großen Felsen auf dem Bergrücken. Ein riesiges Holzkreuz sticht uns ins Auge, umringt von einigen Personen. Ein Prozession ? Wir durchfahren 2 Poller und landen schon wieder auf einer Schotterpiste. Nein, diesmal wartet kein Essen auf uns, doch nach 100m war auch dieser Offroadabschnitt überwunden und vor uns liegt der Flugplatz Ballenstedt.

Motorrad-Urlaub

Da war nun nicht nur die Landebahn zu sehen, sondern auch ein riesengroßer Campingplatz und am Anfang 2 große Würfel. Mir wird klar, was mich nun erwartet: Ein Musikfestival oder besser ein Heavy Metal Festival. Ich bin schon wieder am grinsen. Das hätte ich jetzt nicht erwartet. Samt Motorräder passieren wir den ersten Security-Posten und gelangen über ein zweites Tor direkt in den Backstagebereich. Schon durch den Helm höre ich die ersten Klänge der Rockmusiker. Wir parken unsere Bikes neben einem großen Zelt auf der grünen Wiese und befreien uns vom schweren Motorrad-Ballast. Das Zelt ist auch gleichzeitig unser Quartier für die kommende Nacht. Ich habe Probleme, mich an meine letzte Nacht im Zelt zu erinnern. Es muß ungelogen schon über 25 Jahre her sei. Also auf ins Abenteuer. Ich bin skeptisch, ob das Rockharz Openair das richtige für mich ist. Von einer Festival- Mitarbeiterin bekommen wir die Eintrittsbändchen mit denen wir uns sowohl vor als auch hinter den Bühnen aufhalten können. Zuerst bringen wir im Catering-Hangar unseren Flüssigkeitshaushalt auf ein normales Niveau und staunen nicht schlecht über das Treiben hinter den Kulissen.

Ich fange an, das Programm für den heutigen Tag zu studieren. Bis auf die Gruppe OOMPH!, die mal für Niedersachsen Stefan Raab’s Bundesvision-Song-Contest gewonnen hatte, klingen die Namen wie böhmische Dörfer: Die Apokalyptischen Reiter, Rage, Kreator, Delain usw. Unsere Bikergruppe wagt sich nun das erste Mal vor die beiden großen Bühnen. Es spielt gerade die Gruppe Mono INC. Einige langhaarige Metal-Fans bewegen ihren Kopf mit der Musik und üben sich im Luftgitarre spielen, andere bevorzugen die schattigen Plätze rund um die große Bierbar, denn die über 30°C macht allen etwas zu schaffen. Auch wir geniessen unser erstes gekühltes Bier für diesen Tag. Ich schlendere etwas über das Festival-Gelände und beobachte die Besucher. Da ist wirklich alles vertreten: Altersgruppen von 15 bis 55, teilweise in Kutten oder wie ich in stinknormaler Sommerkleidung, vereinzelt sogar Eltern mit Kind. Die Live-Musik scheint nur Nebensache zu sein. Die einen sonnen sich, die anderen shoppen an den Verkaufsständen, ein Teil wartet auf Autogramme der Bands und ein großer Teil befindet sich Party machend auf dem Campingplatz direkt neben dem Gelände. Für mich eine unerwartet entspannte Atmosphäre. Für die Abkühlung der Festivalbesucher sorgt die örtliche Feuerwehr. Mittels Löschfahrzeug beglückt sie die Metalfans mit einer Wasserfontäne mitten ins Publikum und erzeugt dabei sogar einen schönen Regenbogen. Die Abenddämmerung setzt langsam ein. Unsere Gruppe hat sich vor der linken Bühne versammelt, um den Klängen von OOMPH! Zu lauschen. Lauschen ist hier vielleicht das falsche Wort: Wir bekommen Rockmusik fett auf die Ohren. Zum Glück kann ich etwas mit Oropax entgegenwirken. Der Sänger Dero, den ich bereits zuvor im Backstagebereich gesehen hatte, angezogen wie Du und ich, geschminkt im Riemchenoutfit, bringt das Publikum zum Rocken. Wir hören uns die ersten Lieder an. Stephan, der von dieser Musik ziemlich angetan ist, gibt dann aber das Zeichen zum Sammeln. Die Sonne macht sich an, hinter dem Horizont zu verschwinden. Wir gehen nun zu Fuß auf eine kleine Pilgertour. Vorbei an Zelten und Partybussen verlassen wir das Gelände und laufen in Richtung Gegenstein, der förmlich das Wahrzeichen des Rockharz Openairs bildet. Viele Metalfans nehmen den Anstieg gern in Kauf und erklimmen den Teil der Teufelsmauer. In der Abenddämmerung schimmert der Felsen in einem schönen rotbraunen Ton ähnlich den Felsen von Helgoland. Durch das große hölzerne Kreuz kommt eine Art von Mystik hinzu. Gegenüber versinkt die Sonne imposant in einem kleinen Wolkenmeer am Horizont. Von der lauten Rockmusik ist in diesem Augenblick nichts mehr zu hören. Wir genießen und schweigen eine Weile auf dem Gegenstein. Zurück auf dem Festival-Gelände gönnen wir uns etwas kühlen Gerstensaft gefolgt von einer Paar Cocktails und bewundern in der bereits eingesetzen Dunkelheit die Lichtshow der Band Kreator. Die darauf folgende Combo besticht durch einen nicht definierbaren Gesang und extrem schnellen Gitarrenriffs, was uns aber letztendlich in unser Schlafgemach treibt. Das Thermometer zeigt immer noch 27°C an und ich mache mir Gedanken über den Sinn und Unsinn eines Schlafsacks. Das Feldbett im Zelt ist den Umständen entsprechend bequem, doch eine Mücke und das Geschnarche eines Bettnachbars läßt mich einfach nicht in den Schlaf gleiten. Ich ziehe aus. Nehme die Liege, entferne mich ein Paar Meter und setze die Nacht unter freiem Himmel fort. Ein leichtes Lüftchen weht mir um die Nase und ich schlafe zufrieden ein.

Die Körperhygiene am nächsten Morgen beschränke ich auf eine Katzenwäsche inklusive Nutzung einer One-Way-Zahnbürste. Frühstück samt Kaffee gibt’s im Catering-Hangar. Kurze Zeit später sitzen wir wieder auf unseren Motorräder und setzen die Harztour fort. Stephan läßt es langsam angehen. Durch überqueren den kompletten Harz von Nord nach Süd und erreichen den legendären Kyffhäuser. Wir beschließen eine Stunde zur freien Verfügung. Unser Supermotofahrer tobt sich auf den 36 Kurven aus, Stephan schießt in einer der Applauskurven Fotos und ich betrachte das Treiben am Fuße des Berges. Besonders die Supersportler-Piloten scheinen die Bergrennstrecke auch als solche endlos zu nutzen. Immer wieder wenden sie vor meiner Nase und brettern mit aufheulenden Motoren wieder den Berg hinauf. Unglaublich. Es wird langsam Mittag und die Temperatur nähert sich wieder langsam dem Siedepunkte. Es geht wieder in Richtung westen mit grober Richtung Osterode. Ich genieße die schattige Abschnitte durch die Wälder des Harzes, doch manche rote Ampel läßt meinen Schweiß wie Pipi das Bein runterlaufen. Wir sind alle etwas geschafft. Früh treffen wir im Motorradhotel Harzer Hof ein, holen die morgentliche Körperhygiene und den nächtlichen Schlaf nach. Obwohl ich eigentlich kein Fan der Heavy Metall Musik bin, sondern eher auf Garry Moore oder Def Leppard stehe, war die Kombination Motorrad und Musikfestival ein tolles und unvergessliches Erlebnis. Die Nacht unter freiem Himmel habe ich letztendlich sehr genossen, genauso wie die entspannte Atmosphäre auf dem Festival-Gelände. Also gerne wieder, aber vielleicht mit Temperaturen unter 30°C.